Hier erwarten euch drei Abschnitte, in denen die Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird. Zunächst der allgemeine Überblick, wie eine Stadt auf der Verwaltungs- und Politikebene funktioniert. Danach könnt Ihr tiefer in die Stadt Hannover eintauchen. Es werden die ersten Anlaufpunkte grob beschrieben, um sich der Stadt kulturell zu nähern. Zuletzt wird dann noch ein etwas anderer und unkonventioneller Blick auf die Stadt geworfen. Denn es ist wichtig, selbst aktiv zu werden und auch alternative Arten der Kulturarbeit kennen zu lernen.
• Wie tickt die Stadt?
Es gibt einige sehr einfache Möglichkeiten, sich einer Stadt zu nähern. Zunächst über den etwas allgemeinen und formellen Blick darauf. Die offiziellen Strukturen von Städten sind in der Regel sehr ähnlich. Zunächst ist da die Stadtverwaltung zu nennen, die als Zusammenschluss aller Behörden die öffentlichen Dienste einer Stadt organisieren. Dazu zählt der Oberbürgermeister:in, die verschiedenen Dezernate und Fachbereiche. Sie alle verwalten die Stadt und sorgen für einen reibungslosen Ablauf.
Die Stadt betreibt auch – je nach finanziellen Möglichkeiten diverse öffentliche Einrichtungen. Diese Orte sind von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Es ist die Aufgabe der Stadtverwaltung und -politik, sie bereitzustellen. Dies ist Teil der Daseinsfürsorge und besteht für Altenheime, Bibliotheken, Schwimmbäder, Museen und Beratungsstellen.
Als drittes Standbein einer Stadt gilt der sogenannte zivilgesellschaftliche Bereich. Dort handeln Menschen, die zu den offiziellen Strukturen einer Stadt eigenständige Angebote hinzufügen. Dazu zählen selbstorganisierte Kulturvereine und -orte, Sportvereine, Jugendverbände und viele mehr.
Die Bürger:innen einer Stadt haben verschiedene Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Handeln von Stadt und Politik. Neben den Wahlen – alle acht Jahre wird der:die Oberbürgermeister:in gewählt, alle fünf Jahre der Stadtrat – gibt es noch verschiedene Formen der Beteiligung.
Beteiligung bedeutet hier, das bewusste Mitwirken von einzelnen Personen oder Gruppen bei Entscheidungsprozessen zum Thema Stadt und Stadtentwicklung. Dabei geht es um die Demokratisierung der Strukturen, in denen die eigene Stimme genutzt wird. Beteiligung ist wichtig für eine inklusive Stadt, aber nicht immer selbstverständlich. Deswegen wird sie hin und wieder lautstark gefordert oder gleich selbstbestimmt geltend gemacht.
• Eintauchen in die Stadt
Sich Informationen und einen Überblick zu verschaffen, kann zunächst verwirrend sein. Die offizielle Internetseite www.hannover.de der Stadt ist ein Ausgangspunkt für Information rund um die Stadtverwaltung und die Stadt. Allerdings hilft es, eine Suchmaschine mit konkreten Begriffen zu füttern, da es manchmal schwerfällt, sich auf der städtischen Website zurecht zu finden.
Der selbstorganisierte und zivilgesellschaftliche Bereich hat keine einheitliche Plattform, auf der Informationen zusammengefasst sind. Dies betrifft auch die freie Kunst- und Kulturszene. Das Finden und Aufsuchen erfordert also mehr Anstrengung. Hierbei ist es hilfreich, vor Ort im eigenen Wohnumfeld anzufangen. In Hannover hat fast jedes Stadtviertel ein Stadtteilzentrum oder einen Kulturtreff. Dort ist es möglich, Freizeitangebote wahrzunehmen oder sich an Planungen zu beteiligen.
Eine Liste dieser Orte findet ihr hier:
Macht euch bewusst, dass es so gut wie zu jedem Angebot kommunaler Einrichtungen ein alternatives Angebot gibt. Falls euch zum Beispiel das Staatstheater nicht zusagt, gibt es eine vielfältige freie Theaterlandschaft in Hannover, dazu noch mit einer gut organisierten Internetseite. Das Gleiche gilt für das Musikangebot. Auch hier gibt es mit dem »KlubNetz« einen ersten Anlaufpunkt. Die freie Szene der bildenden Kunst hat leider keinen gemeinsamen Internetauftritt. Hier solltet ihr kreativ werden. Eine Möglichkeit ist es, das Zinnoberprogramm zu studieren. Das Zinnoberfestival findet jährlich am ersten Septemberwochenende statt und sehr viele etablierte wie alternative Kulturorte öffnen ihre Tore.
Das alles sind eher die sichtbaren und dauerhaften Räume und Initiativen. Wenn ihr euch Zeit nehmt und durch die Stadt lauft, werdet ihr feststellen, dass es noch viele andere Orte gibt. Sie werden gar nicht oder wenig genutzt. Dazu gehören Baulücken, Zwischenräume und Leerstände. Solche Räume bieten viele Möglichkeiten. Spannende und alternative Locations und Veranstaltungen sind nicht immer einfach zu finden, aber dafür umso wertvoller und bereichernd. Ein kleiner Überblick über spannende Unorte wird bei Hannover Voids gesammelt.
Um eine Stadt wirklich kennenzulernen, ist es natürlich viel besser, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Du kannst von ihren Erfahrungen profitieren und an Orte mitgenommen werden, die vielleicht nicht auf den ersten Blick zu finden sind.
Das alles sind beispielhafte Hinweise, die dir einen Überblick verschaffen! Im besten Fall motiviert euch das Kennenlernen der Stadt, selbst tätig zu werden, die Stadt mit zu gestalten: Aktive Beteiligung ist hier das Stichwort!
• Wie tickt die Stadt im Graubereich?
Wenn der Blick mehr in die Tiefe geht, wird eine andere Zusammenarbeit von Menschen sichtbar. Neben den kommunalen Stellen und etablierten Einrichtungen gibt es vielfältige Anlaufpunkte und Strukturen mit breit gefächerten Interessen und Schwerpunkten. Sie bilden eine wichtige Ergänzung im Kulturbetrieb. Viele dieser Akteur:innen arbeiten selbstorganisiert und dementsprechend auch vermehrt im Graubereich.
Der Graubereich ist dabei mehr eine Philosophie, wie gearbeitet werden kann. Es können dort z.B. Konzepte erprobt werden, die möglicherweise sonst nicht genehmigt werden würden. Durch diese etwas andere Herangehensweise an Kulturarbeit kann sehr direkt in das Leben einer Stadt hineingewirkt werden. Dabei geht es um die Selbstermächtigung der Bewohner:innen. Die unmittelbare Einflussnahme von Bewohner:innen trägt immens zur Gestaltung und Verbesserung von Lebensrealität und -qualität bei. Mit diesen häufig selbstorganisierten, niedrigschwelligen und alternativen Kulturangeboten an ausgefallen Orten können vermehrt Menschen angezogen und erreicht werden, die sich von gängigen Kulturorten nicht angesprochen fühlen.
Es ist wichtig für eine Stadt, dass nicht nur Kunst und Kultur im öffentlichen Raum stattfindet, die durch das Nadelöhr der Kulturverwaltung passt und bereits als »wertvoll«, sprich förderungswürdig legitimiert wird. Die offizielle Erwartung an Kunst- und Kulturangebote und was diese leisten und erreichen sollen, entspricht nicht immer den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen. Ein Rave oder eine Kunstausstellung, die nicht angemeldet oder genehmigt sind, leisten einen großen Beitrag zur Kultur eurer Stadt. Sie sind nichts Verwerfliches oder Dubioses. Über solche Aktionen können Diskussionen angestoßen werden, was eine lebendige Stadt braucht und ihren Bewohner:innen bieten muss. Vergesst nicht: Ihr habt das Recht auf Stadt!
Es liegt auf der Hand, dass die Stadt von eurem Engagement profitiert. Mehr noch, trotz ungeklärter rechtlicher Umstände, könnt ihr sogar ein Aushängeschild werden. Es gehört auch zur Natur des Graubereiches, dass sich diese Dinge nicht ausschließen. Ihr könnt Veranstaltungen in Räumen organisieren, die nicht angemeldet sind und euch dennoch fördern lassen. Viele Akteur:innen aus der Stadt, allen voran das Kulturbüro, sind offen und kooperativ. Sie können eure Vorhaben unterstützen. Also zögert nicht, auch wenn ihr im Graubereich arbeitet, euch fördern zu lassen.
Im Graubereich zu arbeiten heißt, das Beste aus zwei Welten zu vereinen. Die offizielle, städtische Seite mit dem Förderangebot und Hilfestellungen, aber auch den zivilgesellschaftlichen und selbstorganisierten Bereich mit den großzügigen Freiheiten und Möglichkeiten.